„Augenblicke in Bernstein“

Rezension 469

„Augenblicke in Bernstein“ von Yoko Ogawa

Aus dem Japanischen von Sabine Mangold

Worum geht es?

Augenblicke in Bernstein
Copyright Aufbau Verlage

„Eine Frau sucht mit ihren drei Kindern Zuflucht in einem alten Haus. Alles, was vorher war, sollen die Kinder zu ihrem Schutz vergessen, sogar ihre Namen. Umgeben von hohen Mauern, inmitten eines verwunschenen Gartens, erfinden die Geschwister nun ihre eigene Welt. Riesige Bäume, ein Bachlauf, Tiere – alles dient ihnen als Quell der Phantasie und lässt sie ihr neues Leben lieben. Eines Tages jedoch betritt ein Hausierer den Garten, der fremde, wundersame Dinge aus seinen Taschen hervorzaubert … Ein hinreißender Roman über den Zauber der Kindheit, der die großen Fragen nach Liebe, Zusammenleben und Familie stellt. Düster und dennoch voll lichter Schönheit erzählt Yoko Ogawa die Geschichte dreier Geschwister, die in einer Traumwelt voller Geheimnisse und Magie aufwachsen.“

( Quelle Klappentext zu „Augenblicke in Bernstein“ von Yoko Ogawa )

Meine Meinung:

Im Zentrum der Geschichte stehen die drei Kinder, die von ihrer Mutter im Haus des Vaters, der einst dort gelebt hat und vom dem sie getrennt lebt, von der Außenwelt („Draußenwelt“) abgeschottet werden, neue Namen bekommen, sich mit Hilfe von den alten Enzyklopädien des Vaters unterrichten und im Haus und im Garten ihrer Fantasie freien Lauf lassen.

Man erfährt zu Beginn, dass es noch ein viertes Geschwister gab, welches aber an einer Lungenentzündung starb. Die Mutter hingegen gibt die Schuld einem streunenden Hund, der tags zuvor ihrer kleinen dreijährigen Tochter über das Gesicht schleckte.

Nun leben also Opal, die große Schwester, Bernstein, der Mittlere der Kinder und Achat, der jüngste  Sohn – die Namen wählten sie aus einer der zahlreichen Enzyklopädien aus, die ihr Vater einst selbst geschrieben hat -, mit ihrer Mutter in diesem großen Haus und vergessen nach und nach, wie sie einst hießen, wie es „draußen“ war, immer in Angst, der böse Hund könnte auch ihnen etwas antun, wie er es auch bei ihrer Schwester getan hat.

Da die Familie von irgendetwas Leben muss, geht die Mutter „draußen“ einer Tätigkeit nach. Wenn sie das schützende Gelände morgens verlässt, hat sie immer eine Spitzhacke dabei, aus Sicherheit, wegen des bösen Hundes.

Die Kinder hinterfragen das alles nicht, sie sind glücklich, mit dem, was sie haben und beschäftigen sich mit Lernen und ausgedachten Spielen.

Sie befolgen die Anweisungen ihrer Mutter und verlassen das Grundstück nie. Aber dann taucht plötzlich ein Hausierer auf, dessen Vater wohl schon früher den Bewohnern dieses Hauses Waren angeboten hat. Er kennt eine Tür, durch die er auf das Grundstück gelangt, die den Kindern bisher verborgen war.

So gelangt also etwas von „draußen“ nach „drinnen“…

Yoko Ogawa und auch die Übersetzerin Sabine Mangold verstehen es, den Leser in ihren Bann zu ziehen. Der Schreibstil ist leicht, poetisch, malerisch, geheimnisvoll – und gleichzeitig hat man aber ein komisches Gefühl! Es fühlt sich irgendwie seltsam an beim Lesen, irgendwie bedrückend. Man ahnt, da kommt noch was! Denn der Augenblick, wo der Hausierer ins Leben der Kinder tritt – die Mutter weiß nichts von ihm, sie ist ja tagsüber arbeiten – markiert den Punkt der Wende oder der Auflösung, wie auch immer man das beschreiben möchte.

Die Autorin lässt ihre Geschichte von dem mittleren Kind, von Bernstein erzählen. Sowohl als Kind spricht er zu uns Lesenden, als auch als Erwachsener Mann, der in einem Pflegeheim lebt. Die Gegenwartspassagen fand ich okay, hätte es meines Erachtens aber nicht unbedingt gebraucht; warum, darauf komme ich gleich noch.

Die Mutter erleben wir als sehr fürsorgliche, zu übervorsichtige Person, die auf jeden Fall stark traumatisiert ist, wegen ihrer verstorbenen Tochter. Während des Lesens erlebt man auch, wie obzessiv ihre Trauer um ihr Kind ist und wird; darauf gehe ich hier jetzt auch nicht ein, denn dann würde ich zu viel von dieser Geschichte preisgeben 😉 Aber es ist in Teilen schon sehr spooky!

Die Geschwister an sich haben ein sehr enges Band! Nun, sie habe ja auch nur sich. Aber mit der Zeit merken auch sie, dass das, was ihre Mutter ihnen auftischt, nicht ganz rund ist. Sie konfrontieren sie aber nicht mit ihren Gedanken, sondern versuchen alles, es so zu lassen, wie ihre Mutter das vorgesehen hat. Ist jetzt schwierig zu verstehen, wenn man das Buch noch nicht gelesen hat, gibt aber den psychischen Zustand der Mutter gut wieder…

Ich hatte beim Lesen oft den Gedanken, warum der Hausierer nicht die Polizei verständigt, wo doch offensichtlich drei Kinder auf diesem Grundstück verwahrlosen. Denn dass sie es tun wird gegen Ende klar, als sie dann doch gefunden werden…

Der große Zauber des Buches liegt auf Bernsteins Zeichnungen. Wenn er malt, werden seine Bilder lebendig. Man muss sich das sicherlich wie ein Daumenkino vorstellen. Obwohl die Mutter sich Mühe gibt, die Vergangenheit aus den Köpfen der Kinder zu tilgen, werden Bernsteins Zeichnungen für sie zu einer Möglichkeit, Kontakt zu ihrer verstorbenen Tochter aufzunehmen…

So bekloppt das klingt, so rührend ist es auch und ich als Mutter kann mich in dieser Situation schon in die Mutter hineinversetzen; man klammert sich an jedes Zeichen, dass von dem verstorbenen Kind kommt!

Also, ihr merkt schon, Realität und Fantasie oder auch Wahn verschwimmen irgendwie miteinander. Erst gegen Ende gewinnt die Realität wieder die Oberhand.

Nachdem ich das Buch erstmal habe sacken lassen, muss ich sagen, dass ich glaube ich, noch nie ein Buch gelesen habe, welches so voller Zärtlichkeit und Liebe ist, gleichzeitig aber auch von den Schrecken einer Traumatisierung und von Realitätsverlust erzählt! Die Geschichte entwickelt sich sanft, bis zum Showdown, den ich so habe nicht kommen sehen…

Was am Ende übrig bleibt, sind Fragen, die auch der erwachsene (Herr) Bernstein nicht beantwortet. Ich finde es nicht schlimm, wenn eine Geschichte ein offenes Ende hat, aber in diesem Fall hätte ich gerne ein paar mehr Infos gehabt. Natürlich kann man sich selbst überlegen oder ausmalen, wie es den Kindern ergangen ist, nachdem man sie fand. Aber es bleibt ein großes Fragezeichen!

Während des Lesens habe ich oft vergessen, dass es sich um einen japanischen Roman handelt, der vermutlich in Japan spielt. Genaues weiß man aber nicht, der Roman könnte überall angesiedelt sein.

Gelesen habe ich dieses Buch übrigens im Zuge eines Japan-Buchclubs. Es hat Spaß gemacht, sich regelmäßig mit anderen Bloggern über diese Geschichte auszutauschen!

Und dann, wenn man die letzte Seite zuschlägt, ist es, als ob man die Kinder, ihre Geschichte, in Bernstein konserviert, damit sie, ihre Leben nie vergessen werden…

Von mir bekommt dieses schön-seltsame Buch

4,5 / 5 Rezension

Jetzt Verfügbarkeit prüfen*

Über die Autorin:

„Yoko Ogawa gilt als eine der wichtigsten japanischen Autorinnen der Gegenwart. Für ihr umfangreiches Werk wurde sie mit zahlreichen namhaften Literaturpreisen ausgezeichnet, zuletzt war sie für den »National Book Award« nominiert und auf der Shortlist des »International Man Booker Prize« vertreten.

Im Aufbau Taschenbuch liegen ihre Romane »Das Geheimnis der Eulerschen Formel«, »Das Museum der Stille«, »Schwimmen mit Elefanten«, »Liebe am Papierrand«, »Hotel Iris«, »Der Herr der kleinen Vögel«, »Zärtliche Klagen«, »Augenblicke in Bernstein« und »Insel der verlorenen Erinnerung« vor.“

( Quelle aufbau-verlage.de )

Über die Übersetzerin:

„Sabine Mangold hat an der Freien Universität Berlin Japanologie, Germanistik und Kunstgeschichte studiert, war ab 1986 Dozentin für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität Niigata und von 1989 bis 1994 Redakteurin bei der japanischen Wirtschaftszeitung Nihon Keizai Shinbun. Seit 1990 arbeitet sie als Übersetzerin japanischer literarischer Werke – Romane, Gedichte, Dramen – sowie aus den Bereichen Sachbuch, Essay und Filmsynchronisation. Seit 1995 ist sie als vom BDY zertifizierte Yogalehrerin tätig.“

( Quelle Wikipedia.de )

„Augenblicke in Bernstein“ von Yoko Ogawa

Ein Romman erschienen bei Aufbau Taschenbuch am 19.07.2021

ISBN 978-3746637198

320 Seiten

Taschenbuch

Auch als Hardcover erhältlich

www.aufbau-verlage.de

* selbst gekauft *

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert