„Aus anderem Holz

Rezension 499

„Aus anderem Holz“ von Giuliano Musio

Worum geht es?

Giuliano Musio: Aus anderem Holz
Copyright Luftschach Verlag

„Gegen Ende der Achtzigerjahre stürzt in einem italienischen Küstenort ein Friedhof ins Meer. Eine Urne, die an den Strand gespült wird, gibt ein Geheimnis preis: Der fünfundzwanzigjährige Pinò erfährt, dass sein Vater vor ihm schon einen anderen Sohn hatte. Als Pinò bewusst wird, dass er immer nur als Ersatz gedacht war, beginnt er die verschwiegene Vergangenheit seines Vaters zu erforschen. Doch dabei riskiert er, dass auch sein eigenes Geheimnis aufgedeckt wird. Die rätselhaften Merkmale seines Körpers drohen ihn zu verraten: Sein Bauchnabel fehlt, seine Stimme erzeugt keinen Widerhall, sein Atem hinterlässt in der Kälte keine Spur. Denn Pinò war nicht immer ein Mensch.“

( Quelle Luftschacht Verlag )

Meine Meinung:

Als die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2026 erschien, war ich mal wieder sehr erstaunt, dass dort sehr viele Bücher ausgewählt wurden, von denen ich noch nie gehört oder gelesen hatte. Verwundert auch nicht, ist doch ein erheblicher Teil dieser Bücher  noch gar nicht erschienen! …

Nichtsdestotrotz hatte ich mir vorgenommen, 1-2 Bücher der Liste zu lesen oder zu hören. Direkt ins Auge gesprungen ist mir das Buch von Giuliano Musio. Ein schlichtes Cover mit einem, den meisten bekannten, Radiergummi darauf. Das hat mich sehr neugierig gemacht und nach dem Lesen des Klappentextes wusste ich, das wird mein Buch! 🙂

Ich liebe ja Märchenadaptionen und gerade Pinocchio habe ich immer sehr gerne gelesen. Das Giuliano Musio dieses Märchen nun weitererzählt, hat mich sehr neugierig gemacht!

Giuliano Musios Roman „Aus anderem Holz“ ist ein leiser, nachdenklicher Roman. Statt eines Märchens für Kinder entsteht hier eine erwachsene Erzählung über Identität, Familie und das mühsame Finden eines eigenen Platzes in der Welt. Der Ton ist ruhig und die Sprache ist klar; genau richtig für eine Geschichte, die sich sehr viel in den Köpfen der Figuren abspielt.

Als Pinò begreift, dass sein Vater ihm all die Jahre seinen verstorbenen Bruder vorenthalten hat, macht ihn das zutiefts betroffen, aber auch wütend. Während sein Vater beginnt sich zu verändern, in seiner wieder zu Tage geförderten Trauer zu versinken, beginnt Pinò mehr über die Umstände herauszufinden, was damals wirklich geschah und wie sein In-die-Welt-kommen damit zusammenhängt.

Bisher hatte er geglaubt, einfach nur der Sohn eines liebevollen, wenn auch strengen Vaters zu sein. Nun muss er sich fragen, ob er überhaupt um seiner selbst willen geliebt wurde oder nur als Ersatz gedacht war, um eine Lücke, die auf tragische Art und Weise entstand, zu schließen. Pinò beginnt in der Vergangenheit zu graben, zieht mit seinem Vater in das Dorf seiner Kindheit zurück, die dort mit 11 Jahren begann und holt Stück für Stück die Wahrheit ans Licht. Doch je mehr er findet und herausfindet, desto näher rückt er auch jenem Geheimnis, das er selbst in sich trägt und das niemand erfahren darf…

Was die Erzählung besonders macht, ist die Art und Weise, wie Musio das Pinocchio-Motiv verwendet. Pinò ist keine sprechende Holzpuppe mehr wie im Original-Märchen, sondern ein junger Mann aus Fleisch und Blut, der essen und trinken kann, raucht und auch anderen menschlichen Gelüsten nicht abgeneigt ist. Doch ganz Mensch ist er eben auch nicht. Er weiß, dass er aus einem Stück Holz stammt. ( Erinnert ihr euch an die blaue Fee im Märchen? Nun, Musio gibt auch ihr einen Platz in seiner Geschichte in Form der Madonna Turchina. Eine hölzerne Statuette, die Pinò ins Leben rief und ihm zuweilen Zeichen gibt, wie gegen Ende blutige Tränen…)  Wie bereits im Klappentext zu lesen, hat er keinen Bauchnabel, seine Stimme wirft keinen Widerhall und sein Atem hinterlässt in der Kälte keine Wölkchen. Auch sein Gang wirkt zu weilen etwas hölzern! Über die Jahre hat Pinò gelernt, seine körperlichen Besonderheiten zu verstecken bzw. ihre Entdeckung zu umgehen; so trägt er meist auf der Stelle seines nicht vorhandenen Nabels ein Pflaster.

„Aus anderem Holz“ ist kein Märchen. Es ist ein Roman, eine Erzählung durchwirkt mit märchenhaften Elementen und bleibt dennoch sehr nah im realen Leben. Themen wie Fremdheit im eigenen Körper, die Suche nach einem Platz in der Welt, Zugehörigkeit und Liebe sind alles Themen, wie sie auch in anderen Roman Verwendung finden. Aber hier stechen sie nochmal ganz anders, besonders hervor!

Im Ort seiner Kindheit bemerkt Pinò, dass ihn alle mit seinem Bruder verwechseln! Offensichtlich scheint er ihm sehr ähnlich zu sehen. Pinucchiu nennen sie ihn und sind verwundert, wie anders er doch ist als früher! Sicher, es sind etliche Jahre vergangen, seit Gepetto mit seinem Jungen das Dorf verließ, aber man verlernt doch nicht das Schnitzen? Auch, dass Pinò sich nicht an früher, an die Leute, an Begebenheiten, an seine beste Freundin erinnern kann, finden die Menschen im Ort Feragno sehr merkwürdig. Aber all das bestärkt Pinò darin, dass hier tatsächlich etwas seltsames vorgeht und er herausfinden muss, was sein Vater ihm verschweigt…

Die beste Freundin von Pinucchio, die ihm im Dorf von allen am nächsten ist, ist nicht auf den Kopf gefallen. Sie erahnt die Wahrheit und Pinò öffnet sich ihr am Ende. Ein Schritt, der ihm alles abverlangte, mit dem er alles riskierte… Aber, sie glaubt ihm und hilft ihm bei der Suche nach der Wahrheit, die gewaltiger ist als gedacht…

„Aus anderem Holz“ ist ein Buch ohne Ende. Es endet, ja, aber was darüber hinnaus geschieht, ist der Fantasie des Lesers selbst überlassen. Dieser Weg dorthin war aber sehr spanennd  🙂 Die Entwicklung, die Pinò gemacht hat, war unglaublich 🙂 Und notwendig!! Und das merkt man erst, wenn man das Buch zuschlägt und darüber nachdenkt! Am liebsten möchte ich es noch einmal lesen und ich finde, „Aus anderem Holz“ hat es zurecht auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft! 🙂 Nun hoffe ich für Giuliano Musio auf die Shortlist! Das wäre mehr als verdient! 🙂

Wer den Gedanken liebt, einen Roman, ein Märchen oder eine Erzählung weiterzuspinnen, herauszufinden, wie die Charaktere sich entwickeln, und wer wissen möchte, was es denn nun mit dem Radiergummi auf dem Cover auf sich hat ;-), dem sei „Aus anderem Holz“ sehr ans Herz gelegt. 🙂

Von mir bekommt dieser Roman

5 / 5 Rezension !!!

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Über den Autor:

„Giuliano Musio wurde 1977 in Burgdorf bei Bern geboren, ist schweizerisch-italienischer Herkunft und hat ein Lizenziat der Universität Bern in Germanistik und Anglistik. 2003 war er Endrundenteilnehmer beim Open Mike in Berlin, 2005 Stipendiat des Literarischen Colloquiums Berlin. 2015 erschien im Wiener Verlag Luftschacht sein Debütroman »Scheinwerfen«, der für die Hotlist der unabhängigen Verlage nominiert war. 2018 wurde bei edition taberna kritika das »Keinzigartige Lexikon«, eine Kolumnensammlung, publiziert. Ein Jahr darauf folgte, ebenfalls im Luftschacht Verlag, der zweite Roman »Wirbellos«. Für diesen wurde Musio mit einem Berner Literaturpreis und dem Kurt-Marti-Preis ausgezeichnet. 2019 schrieb er im Auftrag des Berner Kammerorchesters eine neue Textfassung zu Beethovens »Egmont«, die inzwischen von weiteren Orchestern in der Schweiz und in Deutschland ins Programm genommen und ins Italienische übersetzt wurde. Sie erschien 2025 bei edition taberna kritika unter dem Titel »Da ist ein Riss«. Im Herbst 2026 erscheint im Luftschacht Verlag sein dritter Roman »Aus anderem Holz«.“

( Quelle guilianomusio.com )

„Aus anderem Holz“ von Giuliano Musio

Ein Roman erschienen im Luftschacht Verlag am 15.08.2026

ISBN 978-3-903422-79-7

277 Seiten

Hardcover

Auch als Ebook erhältlich

www.luftschacht.com

„Aus anderem Holz“ wurde mir von der Plattform Netgalley.de als Rezensionesexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt. Dies hatte jedoch keine Auswirkung auf meine Meinung und Bewertung!

 

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