Rezension 463
„Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels“ von Vea Kaiser
Worum geht es?

„Wien, Ende der Achtzigerjahre: Angelika Moser, aufgewachsen im Gemeindebau als Tochter der Hausbesorgerin, verbringt ihre Freizeit durch das Nachtleben tanzend. Gleichzeitig liebt sie ihren Job in einer für sie neuen, eleganten Welt: Als Buchhalterin im Grand Hotel Frohner, das von Wiener Originalen und Gästen von überallher bevölkert wird, lässt sie sich auf zweifelhafte Zahlenspiele ein, um das Etablissement zu retten. Plötzlich mit kleinem Kind auf sich allein gestellt, nimmt Angelika den Kampf um ein gutes Leben auf und beginnt, Rechnungen zu manipulieren. Jahrzehnte vergehen – bis ihr die Zahlen um die Ohren fliegen.“
( Quelle Klappentext zu „Fabula Rasa“ von Vea Kaiser )
Meine Meinung:
„Fabula Rasa“ hat mich ab dem Moment fasziniert, als ich las, dass der Roman auf einer wahren Begebenheit beruht. So etwas fasziniert mich ja total, in eine wahre statt Fiktive Geschichte einzutauchen! 🙂
Man erfährt also rückblickend erzählt von Angelikas Leben, beginnend als junge Frau, die das Leben zu leben versteht, aber auch von ihren ersten Jahren im Grandhotel Frohner. Als sie schwanger wird und als alleinerziehende Frau dasteht, kommt ihr zupass, dass ihr Chef sie eh schon Zahlen manipulieren lässt, sodass es nicht auffällt, dass sie für sich Geld abzweigt. Erst Jahrzehnte später fällt ihr Pfusch auf…
Vea Kaiser versteht es zu schreiben. Sie verwendet eine klare Sprache, die ausgesprochen gut zur Geschichte, zum Umfeld Angelikas passt. Einzig mit dem Wiener Dialekt hatte ich hier und da meine Leseprobleme, es ging nicht so flüssig voran, wie ich wollte. Andere Dialekte fallen mir da leichter. Nichtsdestotrotz hat es mir Spaß gemacht, Angelikas Geschichte zu verfolgen!
Rückblicke und Zeitsprünge im Buch sind auch nicht willkürlich gesetzt, sondern spiegeln Angelikas Versuch, ihr Scheitern rational aufzuarbeiten. Die daraus entstehende Chronik eines Absturzes ist kein Krimi, sondern eine leise Tragödie voller gesellschaftlicher Beobachtungen.
Ich spürte Angelikas Verzweiflung in Vea Kaisers Sätzen und konnte mich gut in sie hineinversetzen. Es war auch nie Angelikas Absicht, das Geld zu behalten. Sie sah es Leihgabe, die sie auf jeden Fall zurückzahlen wollte. Überhaupt Angelikas Art mochte ich sehr. Sehr zielstrebig, genau, diszipliniert und organisiert ist sie. Dass sie im Laufe der Jahre etwas von der Eleganz der Hotelgäste annahm, ist nicht verwunderlich. Sie war eine loyale Mitarbeiterin, die ganz und gar im Grandhotel aufgegangen ist!
Auch die anderen Charaktere wurden gut beschrieben und dargestellt, sodass man sich sehr gut in dieses Leben der 80er Jahre in Berlin einfühlen konnte. Es wirkte alles authentisch auf mich und ich sah alles genau vor mir beim Lesen! Auch diese Dirskrepanz zwischen dem luxoriösen Hotelleben und Angelikas verzweifelten Versuch, ihrem Leben ebenfalls einen glamourösen Touch zu verleihen, damit es ihrem Sohn an nichts fehlt, hat Vea Kaiser gut dargestellt. Immerhin hat Angelika Moser über die Jahre 4 Millionen Euro beiseite geschafft!! Wenn es nicht wahr wäre, würde ich es nichg glauben! 😉
„Fabula Rasa“ ist ein Roman über Mutterliebe und das fragile Gleichgewicht zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Vea Kaiser gelingt es, eine Tragödie mit viel Gespür für die kleinen Gesten und das stille Scheitern zu erzählen, in der aber auch für die Möglichkeit eines Neuanfangs inbegriffen ist. Die genaue Figurenzeichnung, das intelligente Spiel mit Zeit und Erinnerung sowie der leise Humor machen das Buch sehr lesenswert und ist etwas für alle, die anspruchsvolle Gegenwartsromane mit Tiefgang und Zugänglichkeit schätzen.
Dazu passt eben auch recht gut der Titel des Romans: „Fabula Rasa“ angelehnt an den Ausdruck „Tabul Rasa“, was soviel bedeutet wie „reinen Tisch machen“, „Etwas Neues schaffen“. Man macht Tabula rasa, indem man „alles Unnötige wegräumt“, „Missstände beseitigt“ oder „mit der Vergangenheit bricht“, um „klare Verhältnisse“ zu schaffen. (Quelle KI )
„Fabula Rasa“ überzeugt durch eine authentische Hauptfigur und die atmosphärische Dichte im Buch. Es bietet so viel mehr als Unterhaltung – es ist eine nachdenkliche, klug aufgebaute Auseinandersetzung mit Scheitern und Selbstbehauptung im modernen Alltag, die einen mitleiden, aber auch mitlachen lässt. Das hat mir sehr gut gefallen 🙂 – zumal es heute bestimmt nicht viel anders gelaufen wäre… Wer sich für die „wahre“ Geschichte Angelika Mosers ineressiert, die damals im Hotel Sacher in Wien gearbeitet hat, der wird hier fündig!
Von mir gibt es daher sehr gute
4 / 5
!!!
Über die Autorin:
„Vea Kaiser wurde 1988 geboren und lebt in Wien, wo sie Klassische Philologie studierte. 2012 veröffentlichte sie ihren ersten Roman »Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam«, der Platz 1 der ORF-Bestenliste erreichte und als bestes deutschsprachiges Debüt am internationalen Festival du Premier Roman ausgezeichnet wurde. »Makarionissi oder die Insel der Seligen« folgte 2015 und erhielt von der Stiftung Ravensburger Verlag die Auszeichnung »bester Familienroman«. 2019 erschien Vea Kaisers dritter Roman »Rückwärtswalzer oder die Manen der Familie Prischinger«, 2024 wurde sie mit dem internationalen Jonathan-Swift-Preis für satirische und komische Literatur ausgezeichnet.“
( Quelle Kiwi-verlag.de )
„Fabula Rasa“ von Vea Kaiser
Ein Roman erschienen am 09.10.2025 beim KiWi Verlag
ISBN 978-3-462-05234-3
576 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag und Lesebändchen
Auch als Ebook und Hörbuch erhältlich
„Fabula Rasa“ wurde mir in Kombination eines Bloggerpakets als Rezensionsexemplar kostenfrei zur Verfügung gestellt. ( Vielen Dank für die Pantoffeln 😉 )Dies hatte jedoch keine Auswirkung auf meine Meinung und Bewertung!

