Rezension 465
„Mathilde und Marie“ von Torsten Woywod
Worum geht es?

„In Redu, einem kleinen Bücherdorf inmitten der belgischen Ardennen, wird die Zeit als Freund und nicht als Gegner empfunden: Umgeben von ausgedehnten Wäldern, rauschenden Flüssen und steilen Anhöhen gibt es hier lediglich einen Fernseher, während das Internet nur eine Stunde am Tag verfügbar ist. Dass der Kirchturm windschief in den Himmel ragt und man sein baldiges Herabstürzen befürchten muss, stört die 390 Einwohner ebenso wenig wie die gehörig aus dem Takt geratene Turmuhr. Als dann jedoch die junge Französin Marie ins Dorf kommt ud der Frühling Einzug hält, wird nicht nur die Natur zu neuem Leben erweckt. Selbst die mürrische Marthilde kann sich dieser Veränderung nicht entziehen.“
Meine Meinung:
Auf dieses Buch von Torsten Woywod war ich sehr gespannt! Kannte ich ihn doch bereits vom Dumont Buchverlag, als er noch für uns Buchblogger zuständig war 😉 Nun hat er mit „Mathilde und Marie“ seinen ersten Roman veröffentlicht.
Ich weiß nicht, was ich von diesem Buch erwartet habe, auf jeden Fall irgendwas mit Büchern 😉 Erwartet habe ich aber nicht, dass es so ruhig ist, sehr ruhig…
Wisst ihr, wie das ist, wenn man ein Buch unbedingt mögen möchte? Auch, weil man den Autor oder die Autorin kennt und super sympathisch findet? Nach 100 gelesenen Seiten, war ich mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob es sich lohnt weiterzumachen 🙁 Gefühlt passierte nichts! Ich weiß auch nicht, was ich erwartet habe, was passieren soll! Ich fühlte mich regelrecht gelangweilt…
Aber Aufgeben gab es nicht für mich, das war ich Torsten schuldig! Er hat so viel Herzblut in das Buch gesteckt, dass ich es wenigstens zu enden lesen wollte!
Gut, dass ich so entschieden hatte! 🙂
Als Marie Hals über Kopf Paris verlässt und ohne Ziel in den Zug steigt, hätte ihr nichts besseres passieren können, als auf Jónína, Buchhändlerin, zu treffen. Eine ältere Dame und gebürtige Isländerin, erkennt ihre Not und innere Zerrissenheit und nimmt sie mit sich in ihr Dorf in den belgischen Ardennen. ( Das Cover des Buches zeigt, wie das Dorf ungefähr aussehen könnte) Redu ist ein kleiner Ort von nichtmal 400 Einwohnern, in dem die Zeit anders verläuft: Langsamer, mit viel mehr Bedacht! Und es ist ein Bücherdorf mit insgesamt 13 Buchhandlungen!! 🙂
Jetzt meint ihr sicher auch, wie soll das funktionieren? 13 Buchhandlungen auf 390 Einwohner! Das ist doch verrückt! – Und dennoch funktioniert es! 🙂 Und zwar wirklich! Denn Redu ist kein fiktiver Ort, er existiert wie Köln oder Buxtehude! ( Ja, auch Buxtehude gibt es wirklich 😉 ) Im Buch wird darauf natürlich eingegangen und erklärt! 🙂
Nun denn, für Marie ist Redu eine komplett andere Welt, denn Internet gibt es nur 1 Stunde pro Tag, ansonsten aber viele Bücher 😉 , viel Natur und sehr nette Menschen! Jónína wird zu einer sehr wichtigen Bezugsperson von Marie. Sie lässt sie in ihrer Buchhandlung mitarbeiten und sie tauschen sich selbstverständlich auch über Bücher aus ( das kam mir etwas zu kurz). Und als Jónína nach einigen Wochen überraschend das Dorf in ihre alte Heimat Island verlässt, ist es für Marie so, als ob ein Stück Familie wegbricht! Schon wieder!… Aber dieses Mal gibt sie nicht auf und flieht. Denn hier in Redu hat sie etwas gefunden, was sehr wertvoll ist: Gemeinschaft und Zusammenhalt! Und einen Sinn fürs Weitermachen…
Und dann ist da noch Mathilde. Sie ist sehr eigenbrötlerich und geht den Einwohnern seit einigen Monaten aus dem Weg. Natürlich hat das seine Gründe, die aber erst spät im Buch behandelt werden. Aber Maries Auftauchen und Jónínas Weggang lösen etwas in Mathilde aus und so führt das eine zum anderen!…
Und da wären wir wieder da, was ich am Anfang meinte, dass nichts passieren würde: Ab circa der Hälfte des Buches, nimmt die Geschichte Fahrt auf – wenn man das so nennen kann 😉 Ich sach mal so: Der Bollerwagen setzt sich in Bewegung 😉 Nein, im Ernst, was dann folgt hat mich sehr berührt und für sich eingenommen! Jetzt machten auch die ersten 100 Seiten für mich Sinn: Es ist alles eine Entwicklung, die man mitmacht, mitmachen muss, und die die Geschichte bedingen!…
Das klingt jetzt ziemlich weird für dich? Ja, mag sein 😉 Man muss das Buch einfach selbst gelesen haben, um zu verstehen, was ich da meine! 🙂
Nachdem ich das Buch zu Ende gelesen hatte, stellte ich bei mir folgendes fest:
Erstens: Es lohnt sich immer, sich auf etwas einzulassen, auch wenn es im ersten Moment so scheint, als wäre es sinnlos!
Zweitens: Ich habe über mich gelernt, dass ich viel zu selten im Hier und Jetzt lebe! Marie hat das ebenfalls lernen müssen. Man ist zu sehr abgelenkt von den Medien, von all den Nachrichten, von diesem „immer-erreichbar-sein“!
Und drittens: Wir würdigen unsere Natur, Flora wie Fauna, viel zu wenig! Geht raus, schaut euch um, haltet inne und lauscht! Nicht nur Bücher haben viel zu erzählen, sondern auch das Leben dort draußen!
Torsten Woywod hat, auf den letzten Punkt eingehend, so tolle Natur- und Tierbeschreibungen in diesem Buch verewigt 🙂 ; es ist eine Freude seinen Text zu lesen! 🙂 So poetisch! Anfangs klingen die ersten Seiten des Buches noch holprig, aber im Laufe des Lesens wurde der Text immer flüssiger zu lesen; so wie ein Bach aus der Quelle sprudelnd erst seinen Weg durch und über Steine hinweg finden muss, bis er endlich im Fluss ist (im wahrsten Sinne des Wortes)!
Auch hat er mit Marie, Jónína, Mathilde und auch Thomas und Anneliese tolle Charaktere geschaffen! 🙂 Anneliese ist übrigens ein streunender Hund, der irgendwie jedem in Redu gehört, der sich selbst aber im Moment für Marie entschieden hat 😉 War mir Marie zu Beginn nicht ganz so sympathisch, legte sie im Laufe der Zeit eine tolle Entwicklung zurück und zog mich so auf ihre Seite 🙂 Jónína ist mir bis jetzt ein Rätsel gebleiben, aber ein schönes 🙂 Mathilde habe ich ins Herz geschlossen und Thomas rundet als guter Freund nochmal alles ab!
Jetzt, wo ich am Ende des Buches die ganze Geschichte betrachte, muss ich sagen, ich habe zu Beginn Torsten Unrecht getan:
„Mathilde und Marie“ ist keineswegs langweilig! Es ist ruhig und entschleunigend und es hat mir im Nachhinein sehr gut getan, diese Geschichte zu lesen. Es hat mich gelehrt, mir Zeit zu nehmen und bewusster meine Umwelt wahrzunehmen. Und das Bücher dazu durchaus beitragen können! 😉
Eine Textstelle bringt es auf den Punkt und ist mir auch die liebste im Buch (es gabe sehr viele schöne Sätze 🙂 ):
(…) Darüber hinaus spielte sich das Leben jenseits der Monitore ab: Man las, man schrieb, man redete, man ging spazieren, man aß und trank, man mähte den Rasen oder hackte Holz, man fütterte die Tiere, man half sich gegenseitig, man saß einfach da und machte sich Gedanken oder genoss den Augenblick, man schlief ohne schlechtes Gewissen auch mal mitten am Tag. Um es auf den Punkt zu bringen: Man lebte einfach.(…)
( Quelle „Mathilde und Marie“ von Torsten Woywod, Seite260, Zeile 22-28 )
Von mir bekommt Torstens Debüt
4 / 5
!!!
Hier geht es zur Leseprobe, falls du mal rinschnuppern möchtest 🙂
Über den Autor:
Torsten Woywod (*1981) hat vor seiner Tätigkeit als Marketingleiter beim Dumont Buchverlag als Buchhändler gearbeitet und war im Online Marketing tätig. Die Buchwelt hat ihn schon immer fasziniert und für seinen Einsatz für die Bücherwelt erhierlt er 2015 den Young Excellence Award!
Zusammen mit Frauke Meurer, seiner jetzigen Ehefrau, gründete Woywod den Verlag WOYWOD&MEURER. Sie veröffentlichten sehr erfolgreich das Buch „Leonard und Paul“ von Rónán Hession, welches ein SPIEGEL-Bestseller wurde und auch für das Lieblingsbuch der Unabhängigen nominiert war.
Torsten Woywod hat bereits die Bücher „In 80 Buchhandlungen um die Welt“ und „In 60 Buchhandlungen durch Europa“ bei Eden Books veröffentlicht; „Mathilde und Marie“ ist jedoch sein erster Roman.
„Mathilde und Marie“ von Torsten Woywod
Ein Roman erschienen bei dtv am 15.01.2025
ISBN 978-3423285124
336 Seiten
Gebundene Ausgabe mit Schutzumschlag und Lesebändchen
Auch als Ebook und Audiobook erhältlich

