Rezension 488
„Toky Girls Club“von Asako Yuzuki
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe
Worum geht es?

„Eriko hat einen prestigeträchtigen Job in einer Handelsfirma und ein makelloses Leben, doch unter dieser Oberfläche verbirgt sich eine alles verzehrende Einsamkeit. Sie ist fasziniert von Shoko, einer Hausfrau, die wie eine Katze in den Tag hineinlebt und in ihrem Lifestyle-Blog »Tagebuch einer nutzlosen Ehefrau« von ihrem hausfrauenunüblichen Alltag berichtet. Als die beiden sich zufällig kennenlernen, entsteht eine besondere Verbindung, die jedoch eine toxische Wendung nimmt, als Shoko plötzlich aufhört zu bloggen und verschwindet. Sie geraten in einen Strudel der Besessenheit, der eine Spur der Verwüstung hinterlässt.“
( Quelle Aufbau-verlage.de )
Meine Meinung:
Auf dieses Buch war ich sehr gespannt! 🙂 Schließlich handelt es sich bei „Tokyo Girls Club“ nicht um ein Buch mit klassisch verteilten Rollen ( hier die Erfolgreiche, da die Verliererin, hier die Reiche, da die Arme, hier die Schöne usw. usw. … ). ein, hier haben wir es mit Typen von Frauen zu tun, die sich zwar auf den ersten Blick unterscheiden, aber dennoch einen gemeinsamen Nenner haben. Sie sind auf der Suche!…
Eriko ist eine junge Frau, die mit ihren über 30 Jahren noch bei ihren Eltern lebt. Somit ist sie nicht nur eine erfolgreiche Karrierefrau, diszipliniert und ergeizig, sondern vor allen Dingen eine verhätschelte Tochter.
Shoko, nur wenig jünger, hat in einem Modekaufhaus gearbeitet und ist nun mit ihrem Chef verheiratet. Als Hausfrau kümmert sie sich um die Wohnung. Und um ihren Blog! Und manchmal auch um ihren Vater, der weiter weg wohnt und mit den Jahren immer schwieriger wird…
Eriko ist ein großer Fan von Shokos Blog. Und eines Tages treffen sich die beiden (nicht) rein zufällig in einem Café…
Mehr braucht es nicht, für eine gute Story 😉 Denn aus diesen Gegensätzlichkeiten zieht das Buch einen großen Teil seiner Spannung. Was zunächst nach einer Geschichte über Freundschaft klingt, entwickelt sich nach und nach zu etwas Unangenehmeren bishin zur toxischen Eskalation!…
Die Art und Weise, wie Yuzuki ihre Figuren anlegt hat, finde ich besonders interessant. Denn beiden gemein ist ein Mangel an Selbstreflexion. Sie sind fasziniert von der jeweils anderen, weil diese etwas verkörpert, was einem selbst fehlt!
Eriko wirkt nach außen erfolgreich, kontrolliert und zielstrebig. Sie hat einen guten Job, eine klare Vorstellung davon, wie ein „gelungenes“ Leben auszusehen hat, und trotzdem bleibt da etwas Leeres zurück.
Shoko wiederum steht für ein Leben, das scheinbar frei von Vorgaben ist. Sie lebt in den Tag hinein, ist unordentlich, und ebenfalls nicht zufrieden. Ihr Blog macht sie interessant, aber eben auch schwer greifbar…
Beide haben aber auch ein Geheimnis bzw. verbergen, verschweigen etwas, dass der LEser erst so nach und nach herausfindet.
Der Roman lebt von dieser Spannung zwischen Faszination und Unbehagen. Eriko bewundert Shoko, weil sie etwas ausstrahlt, das ihr selbst fehlt, nämlich Leichtigkeit, Unangepasstheit, vielleicht auch eine Art Trotz gegen gesellschaftliche Normen. Das macht die Beziehung der beiden so reizvoll, aber eben auch so schwierig. Man merkt beim Lesen ziemlich schnell, dass hier keine stabile Freundschaft wächst, sondern etwas Unangenehmes, etwas Toxisches. Asako Yuzuki beschreibt das relativ nüchtern und direkt. Genau dadurch wirkt die Geschiche aber umso beklemmender…
Neben dieser persönlichen Story zwischen den beiden Frauen, geht es im Roman aber auch um gesellschaftliche Erwartungen an Frauen, insbesondere von Frauen in Japan. Es geht um Arbeit, Ehe, Anerkennung, Care-Arbeit und darum, welche Lebensmodelle als „richtig“ gelten. Eriko verkörpert den Druck, im Beruf zu funktionieren und sich über Leistung zu definieren. Shoko steht für ein Modell, das von außen leichter wirkt, aber ebenfalls unter Beobachtung und Abwertung steht, weil es nicht in die üblichen Kategorien passt. Der Roman fragt damit nicht nur, wie Frauen in Japan leben, sondern auch, wer eigentlich entscheidet, welches Leben als wertvoll erachtet wird!
Asako Yuzukis Schreibstil ist ruhig und kontrolliert. Ein Stil, der mir schon bei anderen japanischen Autoren und Autorinnen aufgefallen ist. Allerdings spürt man, wie es immer mehr anfängt unter der Oberfläche zu brodeln. Das passt recht gut zum Buch, weil die eigentliche Eskalation nicht laut, sondern schleichend passiert. Man liest nicht wegen großer Überraschungen weiter, sondern weil man wissen möchte, wie lange dieses fragile Konstrukt aus Bewunderung und Kränkung noch hält…
„Tokyo Girls Club“ ist kein Roman, der einen Kanller nach dem nächsten liefert. Er ist eher ein Buch, das nachhallt, weil es im Kern etwas sehr aktuelles, zeitgenössisches trifft, nämlich die Einsamkeit hinter perfekten Lebensentwürfen, den Wunsch nach echter Verbindung und die Gefahr, in anderen das zu suchen, was man selbst nicht leben kann. Dazu kommt ein sehr genauer Blick auf weibliche Rollenbilder in einer Gesellschaft, in der Freiheit zwar möglich scheint, aber nie ganz ohne Preis zu haben ist…
Mir hat das Buch richtig gut gefallen, gerade weil es nicht leicht ist, sondern realistisch und zum Teil erschreckend makaber! Wer also eine süße Freundschaftsgeschichte erwartet mit Happy End, der wird hier eher enttäuscht. Das Ende kam zwar auch für mich überraschend, aber im Nachhinein finde ich, war es die bestee Lösung! Auch das Cover sieht interessant aus und im Buchclub haben wir darüber diskutiert, was uns das Cover sagen möchte und ob es in irgendeiner Art und Weise den Inhalt widerspiegelt. Das Ergebnis war veilfältig 😉 Ich denke, es steht für den schönen Schein, den man sich gerne selber vormacht, weil es das Leben vorübergehend leichter macht 😉 …
Unterm Strich ist „Tokyo Girls Club“ von Asako Yuzuki ein kluger, fein beobachteter Roman über Einsamkeit, Sehnsucht und die Art, wie Frauen einander spiegeln, bewundern und verletzen können. Keine leichte Sommerlektüre, aber ein Buch, das definnitiv Aufmerksamkeit verdient hat!
Von mir erhält es daher
4,5 / 5 ![]()
Über die Autorin:
„Asako Yuzuki wurde 1981 in Tokio geboren. Sie wurde für ihr Schreiben vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Noma-Verlagskulturpreis. Ihr Roman »Butter« ist in Japan ein Bestseller und verkaufte sich allein in Japan 200.000 mal. Er erscheint weltweit in zahlreichen Sprachen und gewann 2025 den British Book Award. »Tokyo Girls Club« wurde mit dem Yamamoto Shūgorō Preis ausgezeichnet.“
( Quelle Aufbau-Verlage.de )
Über die Übersetzerin:
„Ursula Gräfe hat Japanologie, Anglistik und Amerikanistik in Frankfurt am Main studiert. Seit 1989 arbeitet sie als Literaturübersetzerin aus dem Japanischen und Englischen und hat neben zahlreichen Werken Haruki Murakamis auch Sayaka Murata und Yukiko Motoya ins Deutsche übertragen.“
( Quelle Aufbau-Verlage.de )
„Tokyo Girls Club“ von Asako Yuzuki
Ein Roman erschienen bei Blumenbar/ Aufbau Verlage am 11.03.2026
ISBN 978-3-351-05138-9
383 Seiten
Gebundene Ausgabe
Auch als Ebbok und Audiobook erhältlich

