Rezension 497
„Winterschlaf“ von Mario Petuzzi
Worum geht es?

„Wenn der Schnee in den Alpen bis ins Tal hinunter schmilzt, ist es soweit: Die Mutter erwacht aus ihrem Winterschlaf, den Kopf voller Träume der letzten Monate. Erwartet wird sie vom Großvater, umsorgt von ihren Kindern, den Zwillingen. Schon bald reisen die ersten Besucher an, denn die Träume der Mutter versprechen Rat und spenden Trost. So geht es Jahr für Jahr. Doch in diesem Sommer, dem zehnten der Zwillinge, wird sich alles ändern – und was die Mutter weissagt, wahr werden…
Meine Meinung:
Diogenes selber sagt, dass „Winterschlaf“ auf sprachlicher Ebene Parallelen zu Robert Schneiders „Schlafes Bruder“ zeigt. An den geschrieben Text in „Schlafes Bruder“ kann ich mich zwar nicht mehr erinnern, aber an das Gefühl, das ich beim Lesen hatte. Und da gibt es tatsächlich Parallelen 🙂
Die beiden Kinder in der Geschichte werden also angehalten, die Mutter, die ihren langen Schlaf im Keller verbringt, zu wecken. Ihre Schlafenszeit ist vorbei, nun beginnt die Schaffenszeit.
Zwischen Essensresten und Unrat, wecken sie, mehr oder weniger behutsam, ihre stark ausgemergelte Mutter wieder auf. Diese braucht natürlich eine gewisse Zeit, um im wahrsten Sinne des Wortes in Gang zu kommen.
Alsbald darauf beginnt sie, ihre Träume schriftlich festzuhalten. Und dafür nutzt sie nicht nur die von ihrem Vater bereitgestellten weißen Hefte, sondern alles, worauf es sich schreiben lässt. Sehr zum leidwesen des „Apo“, der versucht, ihr Schriftwerk ordentlich beeinander zu halten.
Wie jedes Jahr besuchen die „Wintermutter“ Menschen, die sich von ihr Rat und Trost erhoffen. Jedes Jahr läuft nach Schema F ab. Dieses Jahr kommt auch eine Gruppe seltsamer, esoterisch angehauchter Leute, die selbst den Kindern suspekt erscheinen. Aber auch ein Fremder, der „Deutsche“, der keinen Termin beim „Apo“ vereinbart hatte. Er bleibt dennoch. Und zwischen ihm und der Mutter entspinnt sich eine Art Liaison…
Und dann plötzlich verweigert sich die Mutter! Kein Festhalten mehr von Träumen, keine Termine. Ist es das Aufbegehren einer erwachsenen Tochter gegenüber ihrem geldgierigen Vater? Ist es das Leben, das sie wieder spürt, seitdem der „Deutsche“ da ist? Oder ist etwas anderes, etwas, dass sie geträumt hat, was sie daran hindert, weiterzumachen?
„Winterschlaf“ ist ein sehr dichter, trotz der Kürze komplexer Roman. Schlicht im Setting und reduziert auf wenige Charaktere. Scheint die Geschichte zu Beginn noch wie aus einem Traum – ja, ich weiß, Wortspielerei 😉 – entwickelt sich nach und nach aus einem beklemmenden Gefühl ein unheilvolles Rumoren. Zieht sich die Handlung am Anfang, nimmt sie nun an Fahrt auf. Manche Szenen habe ich als unwirklich empfunden, wie verzerrt. Und mit diesem Ende hatte ich auch nicht gerechnet und weiß ehrlich auch nicht, was ich damit anfangen soll…
Mario Petuzzi hat mit „Winterschlaf“ durchaus ein starkes Debüt hingelegt. Ein Buch, mit dem man sich auch im Nachhinein noch beschäftigt, ob man will oder nicht 😉
Sprachlich interessant war, dass die Charaktere keine Namen haben! Die Kinder benennt der Autor „die Eine“ und „der Andere“ oder „der Eine“ und „die Andere“. Der Großvater wird nur der“Apo“ genannt. Die Mutter „die Wintermutter“. Der Fremde aus Deutschland „der Deutsche“ usw. . Dadurch bekommt man nie einen direkten Zugang zu den Figuren, sondern bleibt die ganze Zeit über Beobachter oder Zuschauer. Auch sämtliche Emotionen bleiben weg, was aber durchaus gewollt sein kann, denn die „Familie“ untereinander kommt auch sehr gefühlsarm daher!…
Ist die Handlung logisch? Ja und Nein! Ist jetzt ganz schwer zu erklären, aber es verhält sich genau so 😉 Ist aber wahrscheinlich ebenso gewollt.
Was bleibt am Ende zu sagen: „Winterschlaf“ ist kein Buch für zwischendurch, man muss sich durchaus Zeit nehmen, es zu lesen. Es hat einen Hauch von Märchen, aber wie man weiß, gibt es helle, gute Märchen, aber auch dunkle, böse! Beides findet sich hier meiner Meinung nach wieder 😉 So fällt es mir auch durchhaus schwer zu sagen, ob mir das Buch gefallen hat oder nicht! Die erste Hälfte fand ich wirklich klasse, aber dann wurde es sehr abstrus und seltsam. Ich glaube, empfehle werde ich das Buch nicht, aber wer mal etwas anderes lesen möchte, sich selbst vielleicht herasufordern möchte, der mag „Winterschlaf“ gerne lesen 😉
Von mir bekommt Mario Petuzzis Debüt
3,5 / 5 ![]()
Über den Autor:
„Mario Petuzzi, geboren 1989 in Hall in Tirol, lebt mit seiner Familie in der Nähe von Innsbruck. Er studierte Wirtschaft und Management sowie Vergleichende Literaturwissenschaft in Innsbruck und São Paulo. Er nahm am Klagenfurter Literaturkurs und an der Prosawerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin teil. ›Winterschlaf‹ ist sein Debütroman.“
( Quelle Diogenes.ch )
„Winterschlaf“ von Mario Petuzzi
Ein Roman erschienen bei Diogenes am 19.08.2026
ISBN 978-3-257-07394-2
240 Seiten
Hardcover Leinen
Auch als Ebook und Audio Book erhältlich

