„Die Frauen vom Tafelberg – Das Interview mit Inès Keerl“

„Die Frauen vom Tafelberg – Das Interview mit Inès Keerl“ über die Frauen an Catarinas Seite

 

Copyright Inès Keerl KI-generiert Inès Keerl und Verena Breuer

Liebe Inès, du hast mir schon einmal Rede und Antwort gestanden, daher möchte ich ungern dieselben Fragen wie zur Entstehung des Buches oder zur Kolonialisierung stellen. Konzentrieren wir uns diesmal einfach auf die anderen Frauen im Buch, die neben Catharina eine Rolle spielen, denn schließlich lautet der Titel deines Buches „Die Frauen vom Tafelberg“!

Fangen wir mit Eva an. Sie ist quasi Catharinas „beste Freundin“, wenn man das so sagen kann. Wie bist du auf sie gekommen?

Eva hat tatsächlich gelebt – genau wie Catharina. Als ich begann, die Gesellschaft am Kap zu erforschen und nach den Menschen suchte, die meinen Roman prägen sollten, stieß ich schon früh auf Krotoa, die später den christlichen Namen Eva erhielt. Sie gehörte zum Volk der Khoi, genauer zum Stamm der Goringhaicona. Die Khoi und die San gelten als die ältesten bekannten Bewohner des Kaps.

Als Kind wurde sie von ihrem Onkel Autshumao in den Haushalt des ersten Kapkommandanten Jan van Riebeeck gegeben. Dort sollte sie Sprache, Sitten und Kultur der Niederländer kennenlernen, um später zwischen den europäischen Siedlern und ihrem eigenen Volk vermitteln zu können. Diese Aufgabe erfüllte sie zunächst mit großem Erfolg. Doch je stärker die Spannungen zwischen den Niederländern und den Einheimischen zunahmen, desto mehr geriet sie zwischen die Fronten. Die Niederländer misstrauten ihr, weil sie ihr Volk nicht verraten wollte, während viele Khoi ihr vorwarfen, sich den Europäern angepasst zu haben.

Krotoa konnte lesen und schreiben und sprach mehrere Sprachen: Khoikhoigowab, Niederländisch, Französisch, ein paar Brocken Englisch, möglicherweise sogar etwas Portugiesisch. Damit gehörte sie zu den gebildetsten Menschen ihrer Zeit am Kap. In ihr trafen zwei Welten aufeinander – und genau das wurde ihr schließlich zum Verhängnis. Gerade diese Zerrissenheit hat mich beim Schreiben besonders berührt. Ihr Leben war tragisch und zugleich von einer außergewöhnlichen Stärke geprägt. Für mich stand deshalb früh fest: Ohne Krotoa würde dem Roman eine entscheidende Stimme fehlen.

Schauen wir uns die zweite Frau an, die großen Anteil an Catharinas Leben hat. Amisha ist ja so etwas wie Catharinas „Erzfeindin“. Ist auch sie eine historisch belegte Person? Und wenn ja, kannten sich die beiden wirklich?

Ja, auch sie hat gelebt – historisch ist sie als Groote Catharina bekannt, im Roman heißt sie Amisha, um Verwechslungen mit Catharina zu vermeiden. Ihr ursprünglicher Name ist nicht überliefert und so habe ich mir erlaubt, ihr den indischen Namen mit Bedeutungen für „Ohne Täuschung“, „Verlangen“, „Geschenk“ zu geben. Sie wurde als verurteilte Mörderin und versklavte Frau aus dem südindischen Paliacatta, dem heutigen Pulicat, ans Kap gebracht. Ihre Vorgeschichte – dass sie in ihrer Heimat ihren Liebhaber tötete und wie sie um ihr Recht kämpfte, auf Notwehr bestand, erzähle ich schon im ersten Band. Sie war mutig, klug, unbequem – und sie gewann: Sie schaffte es, aus der Sklaverei entlassen zu werden und am Kap ein freies Leben zu führen. Nach ihrer Freilassung gründete sie ein Unternehmen, wovon ich im zweiten Band erzähle. Für mich ist sie eine der schillerndsten Persönlichkeiten der damaligen Zeit. Leider erinnert nur eine kleine Tafel in der Sklavenlodge in Kapstadt an sie. Aber in den Chroniken des Kaps taucht sie häufiger auf, wegen ihrer Würfelkünste, wegen ihrer Liebschaften und wegen ihres Weges von der Sklavin zur Unternehmerin, auch mit Landbesitz. Sie brachte eine völlig neue Perspektive ein: Die der Versklavten, der Verdrängten, der Unsichtbaren. Durch sie konnte ich die Gesellschaft des 17. Jahrhunderts aus einer völlig anderen Perspektive erzählen – aus der Sicht einer Frau, die ganz unten stand und sich ihren Platz dennoch erkämpfte.

Und ja, sie ist Catharinas „Erzfeindin“, aber auch zugleich „Verbündete in der Not“, aus dem einfachen Grund, dass sie beide überleben wollen. Catharina und Amisha kannten sich sicherlich, wie eng vermag ich nicht zu sagen.

Mit Amisha war das Frauentrio komplett. Es wurde zur Geschichte dreier sehr unterschiedlicher Frauen, die sich auf ganz eigene Weise gegen die Grenzen ihrer Zeit behaupteten – mit sehr unterschiedlichem Ausgang. Genau deshalb musste ihre Geschichte erzählt werden.

Nicht außer Acht lassen sollten wir den Kommandanten Simon van der Stel, mit dem Catharina eine heimliche Beziehung eingeht. Ich sage bewusst nicht Affäre, denn das klingt so nach Betrug. Denn zum Zeitpunkt des intimen Aufeinandertreffens ist Catharina bereits verwitwet. Hat es diesen Kommandanten so, wie er beschrieben wird im Buch, tatsächlich gegeben?

Simon van der Stel hat es tatsächlich gegeben, und er ist eine faszinierende, zugleich aber widersprüchliche Persönlichkeit. Er war Visionär und Stratege, interessierte sich für Botanik, Weinbau und Wissenschaft und verfügte über ein außergewöhnliches Organisationstalent. Gleichzeitig war er eitel und wusste seine Macht durchaus zu seinem Vorteil einzusetzen. Genau diese Ambivalenz wollte ich im Roman zeigen. Je tiefer ich recherchierte, desto vielschichtiger wurde diese Figur für mich – und genau das macht ihn als Romanfigur so spannend.

Was ebenfalls stimmt: Seine Großmutter war, je nach Quelle, entweder eine indische versklavte Frau oder eine indische Adelige.

Mit van der Stel kam ein Mann ans Kap, der aus der kleinen Versorgungsstation eine in seinen Augen lebenswerte Kolonie entwickeln wollte. Heute würden wir sagen, er brannte für den Caapse Vleck, der bis dahin eher lieblos von entweder unfähigen oder kränklichen Kommandanten verwaltet worden war. Er gründete Stellenbosch und holte später die verfolgten Hugenotten ans Kap, denen er mit Franschhoek eine neue Heimat gab. Er gilt als Gründer des südafrikanischen Weinanbaus.

Aber es gibt auch eine Kehrseite: Van der Stel nutzte seine Macht zu seinem eigenen Vorteil und eignete sich deutlich mehr Land an, als ihm zustand. Zwar wurde gegen ihn ermittelt, doch letztlich durfte er den Besitz behalten. Nach seinem Tod wurde sein Land familiärbedingt in mehrere Teile aufgeteilt (darunter Groote Constantia und Klein Constantia, beide Weingüter, die bis heute existieren).

Simon van der Stel kam tatsächlich allein mit seinen Kindern und seiner Schwägerin ans Kap. Seine Ehe galt als unglücklich, und er und seine Frau zogen es vor, auf zwei Kontinenten zu leben – finanziell hat er sie bis zu ihrem Tod abgesichert. Das ist historisch belegt, ebenso wie die Tatsache, dass van der Stel Catharina das Land geschenkt hat und die beiden in guter Nachbarschaft lebten. Ob sie darüber hinaus eine Liebesbeziehung verband, ist historisch nicht erfasst  – es wird darüber jedoch immer wieder spekuliert.

Catharina hat im Buch einen Sohn und eine Tochter. Weiß man, was aus ihnen geworden ist, sofern es sie tatsächlich gab?

Catharina hatte in Wirklichkeit sieben Kinder aus ihren vier Ehen am Kap. Mit Hans hatte sie vier: Henrik, Nicolaas, Maria und Hans. Vier Kinder hätten den Fokus des Romans gesprengt. Deshalb habe ich mich auf Nicolaas und Maria konzentriert, deren Lebenswege eng mit Catharinas Geschichte verbunden sind und die ihre Familien am Kap gründeten.

Ihr ältester Sohn Henrik wanderte bereits mit 16 Jahren nach Ceylon aus. Catharina sah ihn nie wieder. Der jüngste, Hans, blieb kinderlos. Nicolaas heiratete, besaß später selbst Land und hatte acht Kinder, von denen fast alle das Erwachsenenalter erreichten. Maria heiratete einen Joris Strydom und bekam mit ihm zehn Kinder. Sie gilt als die Stammmutter von Catharinas Nachkommenschaft, denn die meisten ihrer heute bekannten Nachfahren gehen auf sie zurück.

Ich muss gestehen, ich war schon etwas traurig, als ich mit dem Buch fertig war! Die Geschichte um Catharina Ustings hat mir nicht nur einfach gut gefallen, sie hat mich auch sehr berührt und ich habe mich mehr mit der Kolonialzeit Südafrikas auseinandergesetzt. Vor einigen Wochen hatten wir eine Austauschschülerin aus Tansania bei uns, die im Geschichtsunterricht gerade genau dieses Thema behandelt. Wir haben offen darüber gesprochen. Aber da ist noch einiges aufzuarbeiten, wie siehst du das?

Oh ja, da gibt es noch sehr viel aufzuarbeiten – nicht nur in Südafrika, sondern auch in den Niederlanden. Das Goldene Zeitalter mag für die Niederlande eine Epoche des Wohlstands gewesen sein, für die Menschen in den Kolonien und die indigene Bevölkerung bedeutete es häufig Unterdrückung, Gewalt und den Verlust ihrer Lebensgrundlagen.

Dieses Spannungsfeld wird heute zunehmend offen diskutiert, historisch aufgearbeitet und neu bewertet. So ist inzwischen unstrittig, dass europäische Seefahrer Krankheiten in viele Teile der Welt brachten, gegen die die einheimische Bevölkerung keine Immunität besaß. Auch am Kap lösten eingeschleppte Pocken verheerende Epidemien unter den Khoi aus. Gleichzeitig werden Biografien neu betrachtet. Lange wurde beispielsweise ausgeblendet, dass Simon van der Stel mütterlicherseits asiatische Wurzeln hatte. Erst in den vergangenen Jahren rückt auch dieser Teil seiner Geschichte stärker in den Blick.

Du bist ja nun erneut für den Goldenen HOMER nominiert und das auch noch mit dem zweiten Band um Catharina Ustings! Hättest du damit gerechnet? Ich habe mich wahnsinnig gefreut, dass du wieder mit dabei bist und ich erneut als HOMER-Bloggerin diese Geschichte vorstellen darf!

Und ich freue mich sehr, wieder von dir interviewt zu werden und dass du den zweiten Band vorstellst. Das hatte ich mir insgeheim gewünscht.

Und zur Nominierung? Natürlich hatte ich gehofft, wieder dabei zu sein, gerechnet habe ich damit aber überhaupt nicht. Als dann bei der Bekanntgabe der Shortlist auf der Leipziger Buchmesse mein Name fiel, war das für mich eine wunderschöne und völlig unerwartete Überraschung.

Ich bin zutiefst dankbar, dass Catharinas Geschichte und die ihrer Weggefährtinnen eine so wunderbare Resonanz gefunden hat. Die drei haben es verdient. Jede von ihnen war auf ihre Weise ein historischer Präzedenzfall: Catharina erhielt als erste Frau am Kap Land, Eva gilt heute als „Mother of the Nation“ und Amisha erkämpfte sich den Weg aus der Sklaverei in ein selbstbestimmtes Leben.

Zum Abschluss habe ich noch eine Frage: Ich weiß ja, dass du bereits an einem neuen historischen Roman arbeitest. Wann können wir, also insbesondere ich 😉 , damit rechnen?

Das wird wahrscheinlich 2028. Aber so viel kann ich schon verraten: Es geht in die Karibik – und wieder steht eine außergewöhnliche Frau im Mittelpunkt, die unbewusst Geschichte geschrieben hat.

Bis dahin müssen meine Leserinnen und Leser aber nicht warten. Schon im Oktober diesen Jahres erscheint das Hörbuch zu Die Löwin vom Tafelberg. Und nächstes Jahr folgt mein erster Gegenwartsroman, der in Spanien spielt und in dem ebenfalls eine historische Persönlichkeit eine wichtige Rolle spielt. Ohne Geschichte kann ich einfach nicht;).

Liebe Inès, ich danke dir für dieses Interview! Und natürlich drücke ich beide Daumen, dass es dieses Mal mit dem Goldenen HOMER klappt! 🙂

Wer meine Rezension zum Buch „Die Frauen vom Tafelberg“ noch nicht gelesen hat, gelangt hier direkt dorthin! 🙂

Und wer den ersten Band „Die Löwin vom Tafelberg“ noch nicht kennt, gelangt hier zu meiner Rezension!

Copyright HOMER Historische Literatur

Und wer sich ( nochmal ) über den Goldenen HOMER informieren und alle diesjährigen nominierten Bücher samt ihrer Paten sehen möchte, der nimmt diesen Link! 😉

Und wer sich für das Weingut interessiert, dessen Grundstein von Catharina gelegt wurde, gelangt hier zu einem kurzen Beitrag samt eindrucksvoller Fotos, die mir dankenswerterweise Inès Keerl selbst zur Verfügung gestellt hat! 🙂

 

„Interview mit Sina Beerwald – Die Muse des Teufelsgeigers“

Nominiert für den Goldener HOMER 2025:

Rezension
Copyright Aufbau Verlage

Interview mit der Autorin Sina Beerwald zu ihrem Roman „Die Muse des Teufelsgeigers“

von Verena Breuer

Sina, Interessierst du dich für klassische Musik oder spielst du gar selbst ein Streichinstrument? Wie bist du auf die Idee gekommen, ein solches Buch zu schreiben?

Ich habe großen Respekt vor klassischer Musik – sie kann ganze Welten mit einem einzigen Takt eröffnen. Ich selbst habe Klavierspielen gelernt, allerdings nie so virtuos, dass man es öffentlich jemandem zumuten könnte. Mit Streichinstrumenten hatte ich bislang wenige Berührungspunkte, aber genau darin lag auch ein Reiz: mich einer Welt zu nähern, die mir zunächst fremd war. Die Idee kam ganz unspektakulär – und gleichzeitig mit einem Donnerschlag: Ich las einen Bericht über Paganini, sah ein Gemälde, das ihn zeigte. Dieser Ausdruck! Diese Aura! Es war, als würde er direkt aus dem Rahmen steigen. Ich wollte wissen: Wer war dieser Mann, dem sein Ruf als „Teufelsgeiger“, „Hexenmeister“, „Satansspross“ vorauseilte? Hat er wirklich seine Geliebte ermordet, deshalb im Gefängnis gesessen und aus ihrem Darm die berühmte G-Saite gefertigt, auf der er nur deshalb in einer nie dagewesenen Kunstfertigkeit spielen konnte, weil er ein Bündnis mit dem Teufel eingegangen war? Als diese Vorwürfe gegen ihn ausgesprochen wurden, befinden wir uns übrigens wohlgemerkt längst nicht mehr im Mittelalter. Wer war dieser Mann wirklich? Und vor allem – wie fühlte es sich an, als Frau in seiner Nähe zu sein? Daraus entstand Die Muse des Teufelsgeigers.

Warum Paganini und nicht ein anderer Virtuose wie z. B. Stradivari?

Stradivari war zweifellos ein Genie, aber seine Geschichte ist eine andere – er war Geigenbauer, kein Virtuose. Er experimentierte mit Proportionen, Hölzern, Lacken und Formen. Seine Geigen zeichnen sich durch große klangliche Brillanz und Tragfähigkeit aus – sie „sprechen“ im Konzertsaal sofort an und können sich gegen ein ganzes Orchester durchsetzen, sie gelten bis heute als Meisterwerke.

Paganini war ein Phänomen, ein Grenzgänger, ein Mythos, der auf der Bühne lebte – und teilweise auch an ihr zerbrach. Mich interessierte  allerdings nicht nur er als Virtuose, sondern der Mensch hinter dem Ruhm. Ich habe mich intensiv mit ihm beschäftigt, alle seine Briefe und Tagebuchaufzeichnungen gelesen. Paganini war exzentrisch, krank, verehrt, gefürchtet – und in all dem zutiefst faszinierend und verletzlich. Außerdem bietet seine Lebensgeschichte einfach unglaublich viel Stoff für Spannung, Abgründe und Sinnlichkeit. Gründe genug für einen Roman, würde ich sagen, oder?

Paganini spielte übrigens nicht auf einer Stradivari. Sein Lieblingsinstrument war die Guarneri del Gesù von 1743, die er liebevoll „Il Cannone“ („die Kanone“) nannte. Paganini spielte bis zu seinem Tod fast ausschließlich auf dieser Geige, er bezeichnete sie als seine Seele und vermachte die Geige seiner Heimatstadt Genua, wo sie bis heute im Palazzo Tursi aufbewahrt wird. Guarneri-Geigen (besonders von Giuseppe „del Gesù“) klingen dunkler, kraftvoller, rauer und dramatischer. Sie haben mehr „Biss“. Genau dieser kraftvolle, beinahe wilde Ton entsprach Paganinis Spielweise und seiner Bühnenperson als „Teufelsgeiger“. Paganini spielte oft in extremen Lagen, mit Doppelgriffen, Flageoletts und Sprüngen. Die Guarneri vertrug diese Grenzgänge besser, sie „hielt mehr aus“ und reagierte explosiver. Während eine Stradivari eher für feine Balance und klassische Schönheit steht, verkörpert die Guarneri genau das, was Paganini auf der Bühne ausstrahlte: Leidenschaft, Kraft, Dramatik und ein Hauch von Gefährlichkeit.

Warum hast du ausgerechnet Sophie als Protagonistin ausgewählt?

Weil ich mich gefragt habe: Wie sieht die Welt eines Mannes wie Paganini aus Sicht einer Frau aus, die nicht im Rampenlicht steht? Sophie ist eine fiktive Figur, aber sie steht exemplarisch für viele kluge, begabte Frauen ihrer Zeit, die keine Bühne hatten – und trotzdem viel zu sagen. Sie ist keine Marionette der Geschichte, sondern eine, die mit innerer Stärke und leisem Mut ihren Weg geht. Ich wollte ihr eine Stimme geben – und ihr das zusprechen, was Frauen damals viel zu selten zugestanden wurde: Einfluss, Selbstbestimmung, Tiefe.

Sie wird die Muse von Paganini, der sich noch in Wien, im Juli 1828, von seiner Frau trennt, die ihn auf seiner Konzertreise begleitet hat. Das musste einen Grund gehabt haben. Der gemeinsame Sohn Achille war zu diesem Zeitpunkt übrigens drei Jahre alt. Und nun kommt das Unglaubliche: Paganini fühlte sich so eng mit seinem Sohn verbunden, dass er ihn seiner Frau abkaufte – jawohl, dem hat sie zugestimmt, für einen heutigen Wert von rund 50 000 Euro. Achille wollte keinen Kontakt mehr zu seiner Mutter, er begleitete seinen Vater fortan auf allen Reisen, wurde später zu seinem Sprachrohr, als Paganini nicht mehr sprechen konnte. Denn sie verstanden sich, wie im Roman, mit Blicken.

So, wie du den (Auf-)Bau einer Violine beschreibst, könnte man meinen, du hast das selbst gelernt. Dem ist aber nicht so, oder? 😉

Ich habe mich zumindest wie eine Geigenbauschülerin gefühlt. Ich habe Werkstätten besucht, mit verschiedenen Geigenbauern gesprochen, mir das Holz zeigen und das Handwerk erklären lassen. Ich finde: Wenn man sich in ein Thema vertieft, muss man es mit allen Sinnen tun. Die Zutaten des Geigenlacks beschnuppern, Holz befühlen, Werkzeug in der Hand halten. Das alles hilft, eine Szene lebendig werden zu lassen. Ich hatte zudem eine tolle Lehrmeisterin: Barbara Gschaider, Dipl. Geigenbauerin aus Bonn, die dort zusammen mit ihrem Mann seit 1999 ein Geigenbauatelier betreibt. Sie hat mich zunächst mit ihrem Buch „Geheimnisse aus der Geigenbau-Werkstatt“ mit atmosphärischen Fotos und verständlichen Beschreibungen an die Hand genommen und mir die faszinierende Welt der Geigenbaukunst gezeigt. Bei einem Besuch ihrer Werkstatt durfte ich ihr über die Schulter schauen und mein Wissen und Können überprüfen. Nicht zuletzt hat sie mein Manuskript sachkundig auf Fehler geprüft (ich war mir ja zwischendurch nicht so sicher, ob ich nicht vielleicht aus Versehen eine Gitarre baue), aber sie war sehr zufrieden mit mir als Geigenbauschülerin und hat mich, natürlich mit einem Augenzwinkern, gefragt, ob ich bei ihr in der Werkstatt anfangen möchte. Aber man soll ja bei seinen Leisten bleiben, drum sitze ich lieber weiterhin an meinem Schreibtisch.

Bisher verbinde ich deinen Namen immer mit dem Norden Deutschlands 😉 Wie war es für dich, dich in Österreich und Italien zu bewegen – noch dazu in einer anderen Zeit?

Es war eine wundervolle Herausforderung. Ich liebe den Norden, das stimmt, und ich wohne seit fast zwanzig Jahren auf Sylt, der Schauplatz vieler meiner Romane – aber ich liebe es ebenso, mir neue Räume zu erschließen, so wie ich es auch schon in einigen meiner übrigen historischen Romane gemacht habe: Augsburg, London, Quedlinburg, Mont-Saint-Michel, Sylt und jetzt Wien. Die Stadt hat eine unglaubliche historische Tiefe, die sich mit jedem Schritt durch die Altstadtgassen eröffnet. Genua und Nizza als wichtige Nebenschauplätze waren absolut reizvoll. Ich bin einfach mit offenen Augen und viel Neugier durch diese Städte gegangen – und habe mir vorgestellt, wie Sophie hier unterwegs war, wie Paganini durch dieselben Straßen geeilt sein könnte. Es war wie ein Zeitreise-Spaziergang mit Gänsehautmomenten.

Du warst ja (wahrscheinlich) zu Recherchezwecken vor Ort?! Warst du schon öfter in Österreich und/oder Italien?

Ja, ich war mehrfach vor Ort – sowohl privat als auch zur Recherche. Besonders Genua war für mich ein Schlüsselort: Paganinis Geburtsstadt ist voller Kontraste – verwinkelte Gassen, prunkvolle Palazzi, die salzige Luft des Hafens. Und natürlich das große Highlight: Ich stand vor Paganinis Originalgeige – genau jenem Instrument, an dem Sophie gearbeitet hat. Die Geige trägt noch heute das Griffbrett, das auf der Rückseite mit „Sawicki“ signiert ist. Ich durfte den Klang der Geige hören. Es war ein magischer Moment, so nah an am Puls der Geschichte zu sein.

Auch Wien war wichtig für meine Recherchen – dort wurde Paganini gefeiert, bestaunt, angefeindet. Dort blieb er im Jahr 1828 für rund fünf Monate und gab vierzehn Konzerte. Ich bin mit Sophies Augen durch die Straßen gegangen, an Schauplätzen wie dem Matschakerhof, dem Narrenturm und am „Steffl“ vorbei, habe sie in der Geigenwerkstatt erlebt und mir vorgestellt, wie sie eines seiner virtuosen Konzerte in der Wiener Hofburg besucht hat. Dabei hatte ich das Gefühl, selbst noch einmal die Reaktionen der damaligen Zuhörer auf seine außergewöhnliche und brillante Spieltechnik zu erleben. Die zeitgenössischen Quellen, Konzertberichte, die ich im Archiv fand, waren ein wertvoller Fundus.

Und schließlich war ich in Nizza, wo Paganini 1840 starb. Im Regen stand ich vor seinem Sterbehaus, blickte an der gelben Fassade hoch zu den Fernstern und war tief berührt. Doch begraben wurde er nicht in Nizza– denn die Kirche verweigerte ihm als „Teufelsbündler“ das Begräbnis. Die Konsequenz: Über vierzig Jahre lang lebte sein Sohn Achille mit einem Zinksarg an seiner Seite, darin der einbalsamierte Leichnam seines Vaters. Achille brachte ihn von Ort zu Ort, um ihn vor Schaulustigen zu verstecken. Aber das ist eine andere, eigentlich ganz und gar unglaubliche Geschichte, und doch ist sie wahr.

Ein großes Dankeschön geht übrigens an meinen Partner Knud und sein gutes Nervenkostüm, als er mich sicher durch den pulsierenden Stadtverkehr von Genua und Nizza gefahren hat. Zitat: „Diese enge Straße werde ich nie vergessen, wenn es denn überhaupt eine war.“

Bist du jetzt auf den Geschmack gekommen, was historische Romane betrifft? 😉

Da muss ich ein bisschen schmunzeln – denn tatsächlich schreibe ich schon seit vielen Jahren historische Romane. Die Muse des Teufelsgeigers ist also kein Ausreißer, sondern steht in einer Reihe von Büchern im Regal, mit denen ich immer wieder in vergangene Zeiten eintauche. Und ja: Einige davon waren ebenfalls für den Titel Buch des Jahres nominiert – was mich natürlich sehr freut.

In meinen bisherigen historischen Romanen habe ich mich auch schon mit altem Handwerk beschäftigt und ebenso intensiv recherchiert. Dazu zählen „Die Goldschmiedin“, „Die Herrin der Zeit“ und „Das Mädchen des Leibarztes“. Hinzu kommen meine Sylt-Sagas, die die Geschichte der Insel lebendig werden lassen, wie zum Beispiel „Die Strandvilla“. Aktuell erscheint eine Trilogie rund um die „Sylt-Schwestern“.

Mich fasziniert an diesem Genre, dass man nicht nur Geschichten erzählt, sondern ganze Welten wieder zum Leben erweckt. Ich liebe es, in das Alltagsleben anderer Epochen einzutauchen, auch aus der Perspektive von Frauen, deren Stimmen sonst vielleicht verloren gegangen wären – und mir ist es ein Anliegen, diesen Figuren ein emotionales Zuhause zu geben. Wie war der Alltag? Welche Chancen hatten Frauen? Welche Entscheidungen waren möglich – und welche nicht? Geschichte ist für mich keine Kulisse, sondern ein Resonanzraum für Figuren und Konflikte, die bis heute nachwirken.

Für mich bedeutet ein historischer Roman eben nicht nur, Fakten zu recherchieren, sondern Menschen aus der Vergangenheit in ihrer Tiefe zu begreifen. Und manchmal ist das, was man dort findet, überraschend aktuell.

Was ist dein nächstes Projekt?

Das wird erneut ein musikhistorischer Roman sein, der in Wien spielt – mehr darf ich an dieser Stelle leider noch nicht verraten. Okay, ein Hinweis noch: das Buch wird im Frühjahr 2026 im Aufbau-Verlag erscheinen.

 

Liebe Sina, ich danke dir für dieses Interview und die wirklich ausführliche Beantwortung all meiner Fragen 🙂 Ich bin dir sehr dankbar, dass du dir die Zeit genommen hast und entschuldige, dass mein „Kurzinterview“ so ausgeartet ist 😉

„Die Falle“

Rezension 346

„Die Falle“ von Andreas Brettschneider

Worum geht es?

Copyright Ueberreuter Verlag

„Victor ist 16 und war lange genug in der Schule, um zu wissen, wie es läuft: Es gibt die Starken (Bastian Jussem und seine Gefolgsleute), es gibt die Schwachen (Kai Klammert u.a.) und es gibt die, die sich bedeckt halten, um nicht zu den Schwachen zu werden (wie Victor selbst).

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„Die wilden Rüben“

Rezension 266

„Die wilden Rüben“ von Dorthe Voss

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Copyright Thienemann – Esslinger – Verlag

„Ausgerechnet jetzt im Frühling will Onkel Hajo seinen Schrebergarten aufgeben. Kommt nicht in den Kompost, sagen sich die vier Wilden Rüben Paula, Jette, Jonas und Bruno. Der Garten ist schließlich das Beste überhaupt. „„Die wilden Rüben““ weiterlesen